Vom Nahen zum Fernen

Vom Nahen zum Fernen?
Es gab einmal einen Kultusminister in einem deutschen Bundesland, der gegen die Geographielehrerschaft seines Landes das Prinzip vom Nahen zum Fernen durchsetzte – und dann behauptete, der Neckar münde bei Heidelberg in den Rhein.  Oder forderte, den heimischen Bauernhof in der Schule als Seele der Heimat darzustellen: Das schnurrende Kätzchen auf der Fensterbank, die glücklichen Hühner auf dem Hof, das niedliche Lämmchen als Streichelzoo für die Kinder und zufriedene Schweine, die sich im Matsch suhlen. Welch Erstaunen, als er feststellte, dass die Schweine unter künstlicher Beleuchtung im Stall hermetisch abgeriegelt Fleisch ansetzten, für ein Huhn der Platz eines DIN A4-Papiers ausreichen musste und  Viehfutter mitnichten von friedlich um den Hof liegenden Feldern kam, sondern per Lastwagen aus dem nicht weit entfernten Hafen abgeholt wurde, wohin es per Schiffsladung um die halbe Welt aus dem fernen Südamerika angeliefert worden war. Kinder im Unterstufenalter wollen Geschichten vom Leben der Menschen in der Ferne erfahren: Wie leben die Menschen im „Urwald“? Wie in der Wüste? Wie lebt es sich in einer „Megacity“? Und dann könnte der Lehrer auch das eigene Verhalten spiegeln: Wo bleibt unser Müll? Welche Auswirkungen hat der Tourismus dort, wo alle zugleich hinwollen? Warum haben die Autos meistens Vorfahrt? Vom Nahen zum Fernen müsste auf den Kopf gestellt werden: In der Unterstufe die Ferne, in der Oberstufe die Nähe – die es dann auch in eigener Projektarbeit zu erarbeiten gilt. Ausgewiesene Geographie-Didaktiker bekommen cholerische Anfälle, wenn im Geographieunterricht der Unterstufe Karl May oder Sven Hedin – deren Biographie wir kennen – vorgelesen und dann natürlich gemeinsam besprochen werden. Aber sie mucken nicht auf, wenn Abiturienten den Leistungskurs Geographie absolvierten und schließlich doch nicht wissen, wie ein Bebauungsplan oder der Flächennutzungsplan der Heimatgemeinde gelesen wird.

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